Auslandstagebuch: Kajaani/Finnland
Kajaani? Wo ist das denn?
Diese Frage bekam ich häufig gestellt, wenn ich sagte, dass ich für ein Semester an der Kajaanin ammattikorkeakoulu studieren würde. Kajaani ist eine kleine Stadt im Norden Finnlands, sieben Zugstunden von Helsinki entfernt, mit 35000 Einwohnern, darunter etwa 2000 Studenten. Durch das Angebot von drei englischsprachigen Studiengängen im Bereich Tourismus, International Business und Sport leben hier, neben den Austauschstudenten, auch viele ausländische Vollzeitstudenten.
Finnland verbinden viele Menschen im ersten Moment mit kalt, dunkel, Natur, schüchternen Menschen und einer sehr komischen Sprache, die nur aus Vokalen und Umlauten zu bestehen scheint und definitiv nichts mit einer weitläufig bekannten Sprache wie Englisch, Französisch oder Spanisch zu tun hat. Auch ich hatte kaum eine Vorstellung, auf was ich mich einlasse, als ich mich auf mein Abenteuer Finnland begab.
Im August 2009 habe ich mich also mit vielen Erwartungen und Hoffnung auf neue Erlebnisse auf den Weg in den Norden gemacht. Nach einer 10-stündigen Reise, bedingt durch einen sehr langen Aufenthalt am Flughafen Helsinki, wurde ich in meiner Wohnheim WG von meinen drei deutschen Mitbewohnerinnen herzlich begrüßt und wir begannen direkt Pläne für das folgende Semester zu schmieden. In den folgenden Tagen richteten wir die WG ein, begutachteten das studentenwohnheimeigene Saunahaus (ohne geht es in Finnland nicht) und lernten vor allem die anderen Austauschstudenten kennen. Insgesamt waren wir 40 aus vielen verschiedenen Ländern, u.a. Österreich, Japan, China, Kanada, USA und Frankreich. Aber auch Russen, Polen und ein Litauer waren in der Gruppe dabei.

Die Studentenorganisation KAMO (vergleichbar mit dem AStA an der HHN) stellte uns für den gesamten Aufenthalt Tutorstudenten an die Seite, die wir jederzeit mit Fragen löchern konnten, und die uns auch immer wieder hilfreich zur Seite standen, wenn es um den Abschluss des Mietvertrags oder die ersten Einkäufe in einem finnischen Supermarkt ging.
Nach einer Einführungswoche, in der wir den Campus, die anderen Austauschstudenten und auch unsere Tutoren etwas näher kennen lernen konnten, begann der Alltag. Wir besuchten die ersten Vorlesungen und bekamen unsere Projekte zugeteilt. Vieles ist an den finnischen Hochschulen anders als in Heilbronn. Man duzt die Professoren, die Lerngruppen sind wesentlich kleiner und man freut sich über eine 5, denn im finnischen Notensystem entspricht sie einer 1,0. Ein Semester ist in zwei Perioden unterteilt und es gibt Kurse, die nur eine Periode lang sind. Vor allem uns
Austauschschülern kam dieser Umstand sehr gelegen, denn so konnten wir unsere Wochenstunden „doppelt belegen“. Also einen Kurs in der ersten Periode belegen und einen weiteren in der zweiten und somit ein paar mehr ECTS machen, als wir es in Heilbronn getan hätten. Auch die Kurse sind anders strukturiert. Nicht in allen Vorlesungen gibt es ein Examen am Ende, und wenn, dann zählt es in der Regel selten mehr, als 60%. Während meines Semesters in Kajaani habe ich ca. 15 Präsentationen gehalten, was damit zusammen hängt, dass in fast jeden Kurs mindestens eine
Präsentation und ein Paper verlangt werden, die ebenfalls in die Note einfließen. Hieran ist zu merken, wie sehr der Fokus in Finnland auf Gruppenarbeiten und Kooperation untereinander gelegt wird.
Die Natur ist wohl das, was die meisten an Finnland fasziniert. Rentiere, Elche und Bären laufen frei herum und wenn man ein bisschen Glück hat, dann trifft man sie bei einer Wanderung im Wald.
Das faszinierendste, das ich erleben durfte, waren Nordlichter mitten in Kajaani. Denn der Ort liegt eigentlich zu weit südlich, als dass man sie hier beobachten kann. Dennoch, bei -27°C Außentemperatur erschien dieses Naturwunder am Himmel und es sieht wirklich spektakulär aus, wenn der Himmel sich gelb, blau, grün und rot verfärbt.
Bei der Ankunft im August waren die Tage unglaublich lang und häufig war es noch hell, als wir ins Bett gegangen sind. Dies änderte sich jedoch rapide, als es auf den Winter zuging. Den ersten Schnee hatten wir im September, im Dezember hatten wir noch maximal 4 Stunden Tageslicht und die Sonne schien auch nicht mehr so häufig wie am Anfang. Um 17 Uhr kam es einem wie nachts um zehn vor, denn die Sonne war schon seit 3 Stunden hinter dem Horizont verschwunden, aber da wir in den letzten Wochen noch viel mit Präsentationen und Klausuren zu tun hatten, hat die fehlende Sonne bzw. das fehlende Tageslicht kaum Spuren hinterlassen.
Aber man kann es sich kaum vorstellen, wie wir uns gefreut haben, als wir im Zug nach Helsinki das erste mal nach mehreren Monaten die Sonne richtig über dem Horizont haben stehen sehen.
Kurz vor Weihnachten war mein Abenteuer Finnland beendet. Ich hatte eine großartige Zeit und habe viele interessante Erfahrungen gemacht. Ein Auslandssemester würde ich jedem empfehlen, nicht nur, weil es auf dem Lebenslauf gut ausschaut. Man lernt sich selbst neu kennen, man macht Erfahrungen, die man in Deutschland nie gemacht hätte und, man trifft Menschen, mit denen man sonst niemals zusammen gekommen wäre. Auch Finnland kann ich als Land empfehlen. Nicht für jeden ist eine Kleinstadt im Norden, wo es im Winter kaum Tageslicht und sehr viel Schnee gibt, das Richtige, aber für mich war es perfekt.
Fenya Erzigkeit
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